Ich hatte es tatsächlich geschafft ihn zur Benutzung einer Kinderklappe zu überreden.
Es war einfach, denn die erste durchwachte Nacht – wir taten wegen des schreienden Babys kein Auge zu – tat das ihre. Das Füttern und das anschließende stundenlange Auf- und Abgehen in der kleinen Hütte. Mary über der Schulter (damit sie ihr Bäuerchen machte und kein Bauchweh bekam und nicht noch lauter, öfter und schlimmer schrie), führte bei Lykaon, genau wie bei jedem anderen Menschen auch, zu Augenringen und einer Laune aus einem Brei von verschiedenartigen und unkontrollierbaren Gefühlen.
So wurde meine Überzeugungsarbeit zu etwas so leichtem, wie ein Spaziergang in einem aufgeräumten Wald.
Er sagte schlicht: „Bring das weg!“ und damit war alles gesagt.
Eine neue Erfahrung.
Eine Veränderung im Leben.
Diese war offensichtlich nicht länger gewünscht.
Noch gestern hätte ich nicht gedacht, dass er so leicht zu überreden wäre, aber das Leben ist manchmal überzeugender als jedes weitere Wort.
Als das erledigt war, (ich selbst ging, nach einer Erklärung des Wolfes, in das nächste Dorf und legte Mary vor eine Kirchentür, drückte die Klingel und lief weg), der Wolf etwas ausgeschlafen hatte und somit etwas zugänglicher, besprachen wir das weitere Vorgehen.
Das erforderte vorsichtiges Einfühlen meinerseits. Denn, was ich der geschundenen Wolfsseele nun beibringen wollte, war nicht so leicht zu begreifen. Es dauerte eine lange Weile, bis meine Idee zu ihm durchgedrungen war.
…
“Ok!” knurrte er, “du meinst also, dass dieser Mick Jagger die moderne Entsprechung eines Gotts ist?”
Ich nickte langsam. “Wenn du das so ausdrücken möchtest.” Gab ich zurück. “Mir ist – wie gesagt -nach unserem Gespräch aufgefallen, dass er – für sein Alter – erstaunlich fit ist und auch sonst alle Kriterien erfüllt, die man dem Gottsein zugrunde legt:
Menschen himmeln ihn an, denken sogar vorm Einschlafen an ihn, sie haben Bilder von ihm in ihren Zimmern hängen. Sie besuchen seine Konzerte und tanzen bis hin zur Ekstase. Es würde mich nicht wundern, wenn einige sogar vor ihm auf die Knie fallen würden, wenn er es nur verlangte. Auch wenn er kein Gott ist, so erfüllte er zumindest die meisten der Kriterien – oder?”
“Hmm”, brummte Lykaon, “ja, da könnte was dran sein, auch wenn ich noch nie von einem Jaggergott gehört habe. Aber, wie hilft mir das weiter? Was habe ich davon?”
“Nun”, sagte ich, langsam, denn ich hatte es schon zu oft erklärt, “diese Rockstars, sie haben nicht nur gemeinsam, dass sie auf eine einfache Art und Weise gewissen Schönheitsidealen entsprechen, dass sie einen ziemlich normale, wenn auch meist recht verbrauchte, Stimme haben und dass sie sich eher wie Tiere benehmen sondern sie sind anscheinend Gottesgleich…” ich wartete bis der Groschen fiel.
“Gut”, grollte er schließlich, “das habe ich verstanden. Du willst, dass ich einer dieser Rockgötter werde. Und, ist das denn so einfach?”
“Tja”, sagte ich und versuchte zu verbergen, dass ich keine Ahnung hatte. Ich hatte, wie wahrscheinlich jeder andere auch, eine wage Vorstellung von Aufnahmestudios, Agenten und Managern, von einer Maschinerie, die seit Elvis nicht, oder kaum mehr zu überblicken war. Die Begabung der “Künstler” konnte sicher nicht Ursache ihres Erfolgs sein. Andrerseits wusste ich nicht, wie viel Anbetung ein Rockstar benötigt, um als Gott zu avancieren, vielleicht waren ja nur ein paar Anhänger von Nöten.
Also die nächste Frage: “Sag einmal, wie viele Gläubige benötigst Du eigentlich? Ich meine, gibt es da eine Untergrenze?”
Er überlegte und sah mich angestrengt an. Grinste dann und brachte wieder ein Bibelzitat: “Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.1 Na ja”, griente er, das ist zwar etwas aus dem Zusammenhang gerissen, aber im Kern trifft’s schon. Es sind nicht viele Leute notwendig. Sie müssen es nur ehrlich meinen…“ Er grinste boshaft. “Darum sind die ‚Glaubensgemeinschaften’ ja auch versucht, so viele ‚Schäfchen’ wie möglich zu sammeln. Meist findet sich unter 1000 Mitglieder nur zwei, drei die wirklich an ihre Götter glauben.”
„Zwei oder drei“, dachte ich laut, „dann sollte es kein Problem sein einen Gott aus Dir zu machen.“
Wir besprachen das Notwendige.
Es war leicht zu erkennen, dass die Grundvoraussetzungen nicht besser sein konnten. Er war musikalischer als ich dachte: er hatte schon viel Musikunterricht in seinem Leben bekommen – er hatte sogar Mozart kennen gelernt. Seine Ansichten von “Guter Musik” mussten nur noch etwas “hingebogen” werden.
Zudem hatten er ein markantes Äußeres und eine rauchig, bedrohlich und/oder erotisch klingende Stimme. Je nach dem, wie man sie gerade verkaufen wollte.
Der Rest gestaltete sich ebenso einfach. Wir verkauften seinen Vorrat Whiskey, (Immerhin 15 Flaschen und bekamen dafür so viel Startkapital, dass er, wäre er ein “normaler Mensch” sich keine Zukunftssorgen mehr hätte machen müssen. Wir kauften das entsprechende Equipment und suchten ein paar Musiker für die Instrumente. Das war nicht schwer, dann wir konnten Ihnen Essen eine Unterkunft und Alkohol bieten. Dann benötigten wir nur noch ein paar Songs. Ich dachte an so etwas wie “Satisfaction” der Stones.
Es stellte sich heraus, dass ich mich selbst um das “Songschreiben” nicht kümmern musste, denn Lykaon konnte nicht nur singen, seine Fähigkeiten reichten soweit, dass er schon Opern und ganze Konzerte komponierte hatte. Er hatte sogar einige Werke in seinen Kisten, die er, ohne weiteres, so umarbeiten konnte, dass sie dem aktuellen Stand und Anforderungen eines Rockstücks entsprachen.
Schon während der ersten Proben zeigte sich, dass Lykaon ein Naturtalent war: Er hatte den Blues, er rockte und er konnte dermaßen herzerweichend zu singen, dass einem die Nackenhaare zu Berge standen und kleine Schauer den Rücken hinunter liefen.
Nachdem er die ersten Songs einstudiert waren, ging alles Weitere rasend schnell. Ein erstes kleines Konzert in einem Jugendhaus, die Aufnahme davon an ein Label geschickt, die erste CD erstellt – das Stück “Lonely Wolf” war nach ein paar Wochen die Nummer eins in den Deutschen Charts. Man hörte es überall. Seine Konzerte waren bald ausverkauft und (vor allem die Mädchen) quiekten so laut, dass Lykaon fast nicht mehr zu verstehen war.
Er war nun ein Gott, ich – offiziell – seine Managerin und verdiente mir eine goldene Nase. Außerdem bestimmte er mich zu seiner Erbin.
Und er…
…dachte nicht ans Aufhören. Er verpasste den rechtzeitigen Punkt um abzutreten.
Befürchtete ich.
Ich dachte, dass es genau auf dem Höhepunkt seiner Karriere Zeit wäre, sich zu entfernen, einen Schlussstrich zu ziehen.
Doch ich sollte mich irren:
“Sie lieben mich. Das habe ich noch nicht erlebt. Da kann ich sie doch nicht alleinlassen.” Ich erklärte Ihm, zum xten Mal wie die Karriere eines Rockstars verlief und dass er nicht hoffen dürfe, ewig Herden von kreischenden Teenies um sich scharen zu können.
Das er das längst verstanden hatte, wurde mir erst klar, als sein Stern schon fast verglommen war. Als er keine Konzerte mehr geben konnte, weil sie nicht mehr ausverkauft waren und seine CDs kaum mehr über den Ladentisch gingen, nahm er eines Nachts eine Pistole und schoss sich in den Kopf.
Auf den Spiegeln in seiner Suite war mit rotem Lippenstift das Wort “DANKE MEINE LIEBE” geschmiert.
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1Matthäus 18, Vers 19,20