Rotkäppchens Schwester III – Mein ist die Rache…eventuell
Ok, er hatte nicht gesagt wie lange er wegbleiben würde. Er war auch nicht dazu verpflichtet. Er wusste auch sicher nicht, wie lang er benötigen würde, um meine Schwester abzuknallen…
Aber nun war er schon seit anderthalb Tage weg und ich hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser verdammten, nach Hund stinkenden, dreckigen Hütte nach Hause, oder in sonst irgendeine Zivilisation finden konnte!
… Ich musste nicht verhungern – es waren genügend Konserven da…
… Hühnersuppe – dieser Wolf ernährte sich offensichtlich von Hühnersuppe in Dosen…
… Es ist schon komisch. Da hört man so viel Schlechtes über Wölfe, und Werwölfe im Speziellen, dann lernt man einen kennen (allein, dass man einen Werwolf kennen lernen kann, ist absurd) und der ernährt sich nicht von Menschenfleisch, wie man gemeinhin annehmen würde, sondern von Hühnersuppe…
…Gut, er ist unsterblich, so gesehen muss er sich garnicht ernähren…
…Vielleicht bewahrt er diese Dosen auch nur für Besuch auf – falls dieser Hunger bekommt…
Ich fing an, ziemlichen Unsinn zu denken. Es wurde also tatsächlich Zeit, dass er zurück kam, damit ich nicht eigenartig wurde…
Kaum hatte ich das zu Ende gedacht, stand er – wie bestellt – in der Tür der Hütte.
Er sah anders aus, als Vorgestern. Das Wort „angezogen“ trifft es nicht ganz, kam seinem Zustand aber recht nahe.
Er schien wieder eine Haut zu haben, auch wenn sie seinen Körper nicht vollständig bedeckte. Außerdem sah sie irgendwie „übergestülpt“ aus. Sie knitterte an den falschen Stellen und schlug, an anderen, eigenartige Wellen. Kurz, das Wort „angezogen“ traf sein Aussehen tatsächlich sehr gut.
Hatte er wirklich meine Schwester und ihren Mann gekillt und dann gehäutet? Wenn dem so war: hatte er nun die Haut des Jägers an?
Es musste dessen Haut sein und nicht die ihre, denn sie war stark behaart. (“behaart” meint natürlich nicht Rotkäppchen, sondern die Haut des Jägers…)
Entsetzten umfing mich und ich fühlte, auch wenn das nicht meine Art ist, dass ich einer Ohnmacht nahe war.
Er kam in die Hütte, sah die geöffnete Hühnersuppendose und sagte im Plauderton: „die ist gut, nicht? Ich habe viele Marken durchprobiert, aber die von ‚Erasco’ ist die beste…“
Bei diesen Worten mussten mir wohl meine Gesichtszüge stark entglitten sein, denn sein erwartungsvoller Blick verwandelte sich in eine erschreckte Fratze.
Dann sah er recht lange, wie beschämt, auf seine Füße und dachte offensichtlich nach. Schließlich hob er abwehrend die Hände und sagte im flehentlichen Ton: „es ist nicht so wie du denkst, ehrlich…“
„die beiden sind also nicht tot?“ fuhr ich ihn an.
„…nun…irgendwie…doch, schon…“
„…und das da“, ich zeigte auf seinen Bauch, „ist nicht seine Haut?“
„NEIN, NEIN! Natürlich nicht!“ entgegnete er entsetzt, „das wäre ja ekelhaft, was denkst du von mir?“ dabei sah er mich an, als sei ich irgendwie eigenartig. Obwohl er doch noch vor kurzer Zeit behauptete mir meine Haut rauben zu wollen.
„Das ist meine Haut.“ Sprach er mit zittriger Stimme weiter, „Sie hing an der Wand des Wohnzimmers. Direkt überm Kamin… …leider war sie schon etwas trocken…” er zupfte etwas unbeholfen an einer Knitterfalte. „Aber…aber das gibt sich wieder, sie wird wieder weich und wächst wieder an…“ sagte er schließlich und lächelte schief (soweit man mit einem, nur halb mit Haut bedeckten Gesicht schief lächeln kann).
Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte. Hatte er sie nun umgebracht oder nicht?
„Ich glaube, ich muss das näher erklären“, sagte Lykaon, setzte sich zu mir an den Tisch. Er begann seine Geschichte, als ob es mich beruhigen würde, mit seinem Weg zum Dorf:
„Zuerst fiel es mir sehr schwer, mich im Wald zu orientieren. Ich war zu besoffen um einen Weg von einem Bach unterscheiden zu können.
Irgendwann nüchterte ich aus, lief nicht mehr ständig gegen Bäume und fand letztlich den richtigen Weg ins Dorf.
Bis dahin war meiner Wut aber schon wieder so weit abgekühlt, dass ich niemanden mehr etwas antun wollte. Dennoch meinte ich, meinen Gang vollenden zu müssen, auch wenn ich sehr wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abziehen würde.
Ich stahl also von einem Bauernhof einen langen Mantel, der auf einer Wäscheleine hing, um mit meinen Fellflicken zu sehr aufzufallen. Dann begab ich mich zum Haus des Jägers.
Ich kannte es von meinen Streifzügen: Ein kaum zu übersehendes kleines, graues Haus, ein bisschen abseits. Er hatte es mit Totenköpfen von Hirschen und Wildschweinen geschmückt.“
Letzteres klang, als würde er die Worte auf den Boden spucken.
„Es wurde langsam dunkel, so dass ich keine Schwierigkeiten hatte, mich im Schutze der Dunkelheit an das Haus heranzuschleichen.
Schließlich fand ich den Weg zur Terrasse, ging hinauf, bis direkt vor die Terrassentür. Dahinter befand sich das Wohnzimmer. Die Tür stand sperrangelweit offen und ich wunderte mich über diese offene Tür. Immerhin ist es Winter, es hatte geschneit und es war Nacht.
Zuerst dachte ich, dass Einbrecher sich Zugang verschafft hätten, denn das Wohnzimmer sah aus, als wäre etwas explodiert. Überall lagen Dinge herum, Dinge die in einem Wohnzimmer eigentlich nichts zu suchen haben: Kleidung lag auf dem Fußboden, Suppenschüsseln und Teller waren kreuz und quer im Raum verteilt. Dazwischen Kuchenteller und Spielzeuge. Ein Bild an der Wand hing schief und das Glas was zersplittert. Die Türen des Schrankes standen offen. Auf dem Tisch – eine schmutzige Decke bedeckte ihn teils und hing teils auf dem Boden – stand ein zerstörtes Radio und auf dem Sofa lagen Bücher auf eine Art und Weise verteilt, wie man Bücher einfach nicht verteilt: Die Seiten waren geknickt, und die Buchrücken gebogen.
Dann hörte ich Geschrei.
Es klang, als würden sich zwei Menschen gegenseitig den Gar ausmachen wollten. Ich stürmte in das Haus. Das Geschrei kam aus der Küche. Ich rannte dorthin und sah gerade noch, wie der Jäger Rotkäppchen eine gusseiserne Pfanne auf den den Schädel schlug und Sie auf ihn mit seinem Jagdgewehr schoss.
Der Schuss gellte, die Pfanne schepperte und beide fielen mausetot zu Boden.
Ich konnte nichts tun, außer zusehen.“
Ich wollte Lykaons Worten keinen Glauben schenken, aber warum hätte er mir eine derartige Geschichte erzählen sollen? Immerhin war er ein Werwolf und hatte, gleichsam von Natur aus, die Berechtigung die beiden zu töten. Natürlich, er war ein Feigling. Dennoch, solch eine bescheuerte Geschichte konnte er sich doch kaum ausgedacht haben. Dazu benötig man ein Art von Phantasie, die Lykaon nicht hatte.
Lykaon fuhr fort:
„Ich stand vor den Leichen und konnte es nicht glauben. Sie hatten sich einfach gegenseitig umgebracht.
Wenn ich nur eine Minute früher da gewesen wäre, dann hätte ich diesen Mord verhindern können. Ich weiß, ich hatte selbst vor, sie zu töten, aber auf diese Art… das war irgendwie unwürdig.“
Er schwieg und wiegte seinen Kopf hin und her.
„Na ja, und dann nahm ich das Fell und lief nach Hause, denn wenn man mich dort gesehen hätte, wäre jedem klar gewesen, wer die Schuld an dem Massaker trägt.“
„Und was wurde aus dem Kind der beiden?“ fragte ich.
„Oh, äh ja, das Kind. Ja, äh, das war auch da.“
Er sah mich verzweifelt an.
„Ich vergaß zu erwähnen, dass es in einer kleinen Babyschaukel auf dem Wohnzimmertisch lag?“
Ich nickte vorsichtig.
„Oh, ja…, dann vergaß ich wohl auch zu erwähnen, dass es, die ganze Zeit über, herzerweichend weinte?“
Abermals musste ich nicken.
„Hm, ha, ich denke, ich habe dann wohl auch unerwähnt gelassen, dass das Baby, weil ich es nicht übers Herz brachte, es dort einfach liegen zu lassen, ich meine es weinte und, ich bin ja irgendwie auch ein Mensch.“
Ich wies darauf hin, dass sein letzter Satz weder vollständig noch verständlich war.
„Och du machst es mir aber schwer. Ich habe es mitgebracht. Und es steht vor der Tür! So, jetzt weißt Du es!“
…
Wieder ein Blog vorbei!
Was heißt mitgebracht?:
Hat er es aufgegessen? Schließlich weiß jeder, dass kleine Babys wie Hühnchen schmecken.
Wie ist dann „es steht vor der Tür zu“ verstehen?
Wird der Wolf mit Blaukäppchen eine Familie gründen?
Werden sie glücklich?
Stimmt das alles überhaupt?
Warum schreibe ich solch einen Quatsch eigentlich?