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27. Dezember 2006 - 20:05

Rotkäppchens Schwester III – Mein ist die Rache…eventuell

Ok, er hatte nicht gesagt wie lange er wegbleiben würde. Er war auch nicht dazu verpflichtet. Er wusste auch sicher nicht, wie lang er benötigen würde, um meine Schwester abzuknallen…
Aber nun war er schon seit anderthalb Tage weg und ich hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser verdammten, nach Hund stinkenden, dreckigen Hütte nach Hause, oder in sonst irgendeine Zivilisation finden konnte!

… Ich musste nicht verhungern – es waren genügend Konserven da…
… Hühnersuppe – dieser Wolf ernährte sich offensichtlich von Hühnersuppe in Dosen…
… Es ist schon komisch. Da hört man so viel Schlechtes über Wölfe, und Werwölfe im Speziellen, dann lernt man einen kennen (allein, dass man einen Werwolf kennen lernen kann, ist absurd) und der ernährt sich nicht von Menschenfleisch, wie man gemeinhin annehmen würde, sondern von Hühnersuppe…
…Gut, er ist unsterblich, so gesehen muss er sich garnicht ernähren…
…Vielleicht bewahrt er diese Dosen auch nur für Besuch auf – falls dieser Hunger bekommt…

Ich fing an, ziemlichen Unsinn zu denken. Es wurde also tatsächlich Zeit, dass er zurück kam, damit ich nicht eigenartig wurde…
Kaum hatte ich das zu Ende gedacht, stand er – wie bestellt – in der Tür der Hütte.
Er sah anders aus, als Vorgestern. Das Wort „angezogen“ trifft es nicht ganz, kam seinem Zustand aber recht nahe.
Er schien wieder eine Haut zu haben, auch wenn sie seinen Körper nicht vollständig bedeckte. Außerdem sah sie irgendwie „übergestülpt“ aus. Sie knitterte an den falschen Stellen und schlug, an anderen, eigenartige Wellen. Kurz, das Wort „angezogen“ traf sein Aussehen tatsächlich sehr gut.

Hatte er wirklich meine Schwester und ihren Mann gekillt und dann gehäutet? Wenn dem so war: hatte er nun die Haut des Jägers an?
Es musste dessen Haut sein und nicht die ihre, denn sie war stark behaart. (“behaart” meint natürlich nicht Rotkäppchen, sondern die Haut des Jägers…)
Entsetzten umfing mich und ich fühlte, auch wenn das nicht meine Art ist, dass ich einer Ohnmacht nahe war.

Er kam in die Hütte, sah die geöffnete Hühnersuppendose und sagte im Plauderton: „die ist gut, nicht? Ich habe viele Marken durchprobiert, aber die von ‚Erasco’ ist die beste…“
Bei diesen Worten mussten mir wohl meine Gesichtszüge stark entglitten sein, denn sein erwartungsvoller Blick verwandelte sich in eine erschreckte Fratze.
Dann sah er recht lange, wie beschämt, auf seine Füße und dachte offensichtlich nach. Schließlich hob er abwehrend die Hände und sagte im flehentlichen Ton: „es ist nicht so wie du denkst, ehrlich…“
„die beiden sind also nicht tot?“ fuhr ich ihn an.
„…nun…irgendwie…doch, schon…“
„…und das da“, ich zeigte auf seinen Bauch, „ist nicht seine Haut?“
„NEIN, NEIN! Natürlich nicht!“ entgegnete er entsetzt, „das wäre ja ekelhaft, was denkst du von mir?“ dabei sah er mich an, als sei ich irgendwie eigenartig. Obwohl er doch noch vor kurzer Zeit behauptete mir meine Haut rauben zu wollen.
„Das ist meine Haut.“ Sprach er mit zittriger Stimme weiter, „Sie hing an der Wand des Wohnzimmers. Direkt überm Kamin… …leider war sie schon etwas trocken…” er zupfte etwas unbeholfen an einer Knitterfalte. „Aber…aber das gibt sich wieder, sie wird wieder weich und wächst wieder an…“ sagte er schließlich und lächelte schief (soweit man mit einem, nur halb mit Haut bedeckten Gesicht schief lächeln kann).

Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte. Hatte er sie nun umgebracht oder nicht?
„Ich glaube, ich muss das näher erklären“, sagte Lykaon, setzte sich zu mir an den Tisch. Er begann seine Geschichte, als ob es mich beruhigen würde, mit seinem Weg zum Dorf:
„Zuerst fiel es mir sehr schwer, mich im Wald zu orientieren. Ich war zu besoffen um einen Weg von einem Bach unterscheiden zu können.
Irgendwann nüchterte ich aus, lief nicht mehr ständig gegen Bäume und fand letztlich den richtigen Weg ins Dorf.
Bis dahin war meiner Wut aber schon wieder so weit abgekühlt, dass ich niemanden mehr etwas antun wollte. Dennoch meinte ich, meinen Gang vollenden zu müssen, auch wenn ich sehr wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abziehen würde.

Ich stahl also von einem Bauernhof einen langen Mantel, der auf einer Wäscheleine hing, um mit meinen Fellflicken zu sehr aufzufallen. Dann begab ich mich zum Haus des Jägers.
Ich kannte es von meinen Streifzügen: Ein kaum zu übersehendes kleines, graues Haus, ein bisschen abseits. Er hatte es mit Totenköpfen von Hirschen und Wildschweinen geschmückt.“
Letzteres klang, als würde er die Worte auf den Boden spucken.
„Es wurde langsam dunkel, so dass ich keine Schwierigkeiten hatte, mich im Schutze der Dunkelheit an das Haus heranzuschleichen.
Schließlich fand ich den Weg zur Terrasse, ging hinauf, bis direkt vor die Terrassentür. Dahinter befand sich das Wohnzimmer. Die Tür stand sperrangelweit offen und ich wunderte mich über diese offene Tür. Immerhin ist es Winter, es hatte geschneit und es war Nacht.

Zuerst dachte ich, dass Einbrecher sich Zugang verschafft hätten, denn das Wohnzimmer sah aus, als wäre etwas explodiert. Überall lagen Dinge herum, Dinge die in einem Wohnzimmer eigentlich nichts zu suchen haben: Kleidung lag auf dem Fußboden, Suppenschüsseln und Teller waren kreuz und quer im Raum verteilt. Dazwischen Kuchenteller und Spielzeuge. Ein Bild an der Wand hing schief und das Glas was zersplittert. Die Türen des Schrankes standen offen. Auf dem Tisch – eine schmutzige Decke bedeckte ihn teils und hing teils auf dem Boden – stand ein zerstörtes Radio und auf dem Sofa lagen Bücher auf eine Art und Weise verteilt, wie man Bücher einfach nicht verteilt: Die Seiten waren geknickt, und die Buchrücken gebogen.
Dann hörte ich Geschrei.
Es klang, als würden sich zwei Menschen gegenseitig den Gar ausmachen wollten. Ich stürmte in das Haus. Das Geschrei kam aus der Küche. Ich rannte dorthin und sah gerade noch, wie der Jäger Rotkäppchen eine gusseiserne Pfanne auf den den Schädel schlug und Sie auf ihn mit seinem Jagdgewehr schoss.
Der Schuss gellte, die Pfanne schepperte und beide fielen mausetot zu Boden.
Ich konnte nichts tun, außer zusehen.“

Ich wollte Lykaons Worten keinen Glauben schenken, aber warum hätte er mir eine derartige Geschichte erzählen sollen? Immerhin war er ein Werwolf und hatte, gleichsam von Natur aus, die Berechtigung die beiden zu töten. Natürlich, er war ein Feigling. Dennoch, solch eine bescheuerte Geschichte konnte er sich doch kaum ausgedacht haben. Dazu benötig man ein Art von Phantasie, die Lykaon nicht hatte.

Lykaon fuhr fort:
„Ich stand vor den Leichen und konnte es nicht glauben. Sie hatten sich einfach gegenseitig umgebracht.
Wenn ich nur eine Minute früher da gewesen wäre, dann hätte ich diesen Mord verhindern können. Ich weiß, ich hatte selbst vor, sie zu töten, aber auf diese Art… das war irgendwie unwürdig.“
Er schwieg und wiegte seinen Kopf hin und her.
„Na ja, und dann nahm ich das Fell und lief nach Hause, denn wenn man mich dort gesehen hätte, wäre jedem klar gewesen, wer die Schuld an dem Massaker trägt.“

„Und was wurde aus dem Kind der beiden?“ fragte ich.

„Oh, äh ja, das Kind. Ja, äh, das war auch da.“
Er sah mich verzweifelt an.
„Ich vergaß zu erwähnen, dass es in einer kleinen Babyschaukel auf dem Wohnzimmertisch lag?“

Ich nickte vorsichtig.

„Oh, ja…, dann vergaß ich wohl auch zu erwähnen, dass es, die ganze Zeit über, herzerweichend weinte?“

Abermals musste ich nicken.

„Hm, ha, ich denke, ich habe dann wohl auch unerwähnt gelassen, dass das Baby, weil ich es nicht übers Herz brachte, es dort einfach liegen zu lassen, ich meine es weinte und, ich bin ja irgendwie auch ein Mensch.“

Ich wies darauf hin, dass sein letzter Satz weder vollständig noch verständlich war.

„Och du machst es mir aber schwer. Ich habe es mitgebracht. Und es steht vor der Tür! So, jetzt weißt Du es!“


Wieder ein Blog vorbei!

Was heißt mitgebracht?:
Hat er es aufgegessen? Schließlich weiß jeder, dass kleine Babys wie Hühnchen schmecken.
Wie ist dann „es steht vor der Tür zu“ verstehen?

Wird der Wolf mit Blaukäppchen eine Familie gründen?

Werden sie glücklich?

Stimmt das alles überhaupt?

Warum schreibe ich solch einen Quatsch eigentlich?

Rotkäppchens Schwester IV – was nun?

 

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16. Dezember 2006 - 22:09

Rotkäppchens Schwester II – Wer sich mit dem Wolf einlässt

Da saß ich nun in seiner Hütte und hörte mir seine Geschichte an. Er erzählte mir, dass er einst König der Arkadier war und seine Söhne dem Zeus Menschenfleisch als Mahl vorsetzten, um diesen als Gott zu enttarnen. Er schilderte mir, wie Zeus, darüber erzürnt, sein Söhne tötete und ihn, weil es seine Söhne waren, in einen Wolf verwandelte.
Er erzählte weiter, wie er sein Schloss, seine Stadt und schließlich sein Land verließ, weil man ihn verfolgte, weil man ihm als Wolf nicht zutraute König zu sein, und, weil man einem Wolfsmenschen grundsätzlich misstraute. Er sprach darüber, wie sein Leben jeden Wert verlor, weil niemand ihm noch Wert beimaß.
Zuletzt, schloss er seine Autobiographie ab, habe er seine Zeit größtenteils in den Wäldern zugebracht und selbst dort lebe er nicht ungefährdet, wie letzteres Treffen mit Rotkäppchen beweise.
Auch wenn man von ihm nicht als eine „vom Aussterben bedrohten Rasse“ sprechen könne, fühle er sich nicht gerade unbedroht.

Aus alledem ließ sich verstehen, dass Lykaon dem Zeus offensichtlich noch immer grollte. Er tat das gar nicht mal, weil er seine Söhne tötete oder weil er ihn in einen Wolf verwandelte, sondern vielmehr wegen der „Nebenwirkung“ des Fluches. Der Fluch hatte zusätzlich bewirkt – und Zeus hatte sich wohlweißlich darüber ausgeschwiegen – dass Lykaon das Dasein eines Unsterblichen führen musste. Unsterblichkeit, so Lykaon, sei kein Segen, sie sei vor allem eins: Langeweile!

„Nur die Möglichkeit zu sterben und nicht nur die Option, sondern das Wissen, eines Tages auch tatsächlich tot zu sein, sind der Garant, dass man sich nicht langweilt. Nur dadurch gibt es Dinge die interessant sind, weil man annimmt, sie eventuell nicht noch einmal zu erleben zu können…
… und weil man sie zum ersten Mal erlebt
… und weil man keine Zeit zu verlieren hat….“

Zum Schluss stellte er ein wenig traurig fest, dass die Dinge, die er zum ersten Mal erleben würde, so langsam rar würden…

„Langsam“ ging er mir mit seiner Predigt auf die Nerven und langsam nahm ich an, dass seine ganzen Geschichten ausschließlich dazu dienten, sein Vorhaben – mich zu töten – hinauszuzögern. Ganz an der Oberfläche seiner Seele schien er ein außerordentlicher Feigling zu sein. Kaum zu glauben, ein mehrere tausend Jahre alter Werwolf, der sich als Angsthase entpuppte.

Kaum hatte ich das gedacht, griff er auch schon zur Flasche.
Vielleicht hatte er meine Gedanken gelesen, aber ich glaube, sie waren nicht der Grund. Lykaon zog die Flasche mit den Worten „…hab ich mal gekauft und dann vergessen“ unter seinem Bett hervor. Ein Flasche Single Malt Whiskey, dem Etikett zufolge, über 70 Jahre alt.
„Wie kann man eine 70 Jahre alte Flasche Whiskey unterm Bett vergessen?“ fragte ich und bekam die fast schon erwartete Antwort: „Als ich sie kaufte, war der Whiskey noch ganz jung“ und „…ich glaub’, da müssen noch zwei oder drei weitere Flaschen sein…“
Es war ein Flasche, wie ich sie noch nie gesehen habe, dickwandig braun und ungleichmäßig geformt. Wahrscheinlich stammte sie aus einer Zeit, in der man Flaschen noch mit dem Mund blies, entschied ich.
„Nun ist sie wohl recht alt“, sagte Lykaon nachdem er meinen Blick offensichtlich nicht deuten konnte. „Aber ich glaube, das schadet echtem Whiskey nicht.“ Er holte zwei, ebenso alt aussehende, Gläser aus dem Schrank hervor und schenkte uns ein.

Es schmeckte rauchig, malzig und sehr alkoholisch.

Um diesen Whiskey seinem Zweck zuzuführen, brauchte man keine ganze Nacht, man benötigte lediglich ein Glas voll und zehn Sekunden, um es zu leeren. Danach war man augenblicklich betrunken.
Das machte weder ihm noch mir etwas aus. Ganz im Gegenteil, wir befanden uns in einer Situation, die geradezu danach verlangte, betrunken betrachtet zu werden:
Eine junge (wie ich meine, hübsche) Frau, zuhause bei einem gehäuteten Werwolf, der sich nicht entschließen kann, diese junge (hübsche) Frau für die Taten ihrer Schwester (und deren Ehemann) zu töten, weil er sie anscheinend mag. By the Way, sagte ich schon, dass „gehäutet“ wörtlich zu nehmen ist? Also, ein Wolf, der nicht in der Lage ist, diese junge hübsche Frau anstatt ihrer Schwester zu töten und ihr aus diesem Grunde seine Lebensgeschichte erzählt. Zu allem Überfluss kommt hinzu, dass sie, weil sehr klug, all seine Ausflüchte erkennt – und er, weil hellhörig, all das in ihren Gedanken liest. Wenn das kein Grund zum Trinken ist, dann gibt es keine Gründe, die dafür sprechen.

Nach dem ersten Glas verstanden wir uns schon besser, nach dem zweiten benötigten wir ein drittes, um Brüderschaft zu trinken (den Kuss ließen wir aus) und nach dem vierten ging alles weitere sehr schnell.
Zumindest erschien es mir schnell zu gehen, denn wenn man betrunken ist – und ich war sehr betrunken – geschieht alles als bewege sich das Leben in einem zähen Brei aus Zeit. Zwischen schnell und langsam kann man kaum noch unterscheiden und man muss sich die Geschwindigkeit und die zeitliche Abfolgen durch Schlussfolgerungen erschließen. So weit ich es beurteilen kann, würde ich auf „die Zeit verging schnell“ tippen, denn ich konnte weder eingreifen, noch über das nachdenken, was Lykaon sagte, bevor er das Haus verließ. Er sagte:
„…man sollte die ganze Bagage abknallen…“ griff abermals unters Bett und zog ein Schrotgewehr und eine Tasche (in der wahrscheinlich Kugeln waren) hervor. Er warf sich die Tasche über die Schulter und hielt auf die Tür zu. Als er die Hütte verlassen wollte, stieß er hart mit der Schulter gegen den Rahmen, dessen Position er, betrunken wie er war, wohl falsch eingeschätzt hatte. Ein nasser dunkler Fleck blieb an der Stelle zurück, wo eben noch seine Schulter anschlug. Er jaulte wölfisch auf und grollte aus tiefster Kehle: „was können die mir schon anhaben…“ drehte sich um, wankte zum Tisch, goss sich ein Glas ein, stürzte es herunter. Dann ein weiteres. Er ging abermals zur Tür, stieß abermals gegen den Rahmen, blieb aber so stumm als habe er nichts bemerkt, taumelte ein paar Schritte zurück und trat dann, das Loch in der Wand endlich treffend, ins Freie.

Zwei Sekunden später – oder Zwanzig Minuten, ich konnte es, wie gesagt, kaum mehr einschätzen – sah ich seinen Kopf wieder in der Tür, seine Hand zeigte mit hautlosen Fingern und ihren langen gebogenen Krallen auf mich, als er, mit einer Kraft, die mir schier den Atem raubte, sagte:
„du bleibst wo du bist, bis ich wieder komme…Blaukäppchen“
Dann drehte er sich um und ging.

Was nun?

Wird der Wolf seinen Plan durchführen können?

Oder, zieht er frühzeitig den Schwanz ein, bietet sich Rotkäppchen als Hund an und fristet sein Dasein bei Chappi und Gassi gehen?

Wir Rotkäppchens Schwester, allein in der Hütte des Wolfes, zur Alkoholikerin und damit der Name Blaukäppchen Programm?

Fängt sie an aufzuräumen?

All das kann man in einem der nächsten Blogs erfahren.
Bald oder in wenigen Wochen…

Rotkäppchens Schwester III – Mein ist die Rache…eventuell

 

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4. Dezember 2006 - 22:11

Rotkäppchens Schwester

Damals war es Rotkäppchen, die in den Wald musste. Rotkäppchen hatte Glück. Sie hatte das Glück, dass sie, als sie schon gefressen im Leib des Wolfes war, von einem Jäger befreit wurde. Dieser Jäger schnitt damals dem vom Fressen träge gewordenen Wolf den Bauch auf und befreite damit Rotkäppchen und die Großmutter.
Warum der Jäger dem Tier dann noch Steine ihn den Bauch packen musste, verstand ich nicht. Der Wolf wäre sowieso an solch einer schweren Wunde gestorben.
Aber sie „taten ihm Steine in den Bauch, der Wolf wachte auf und stürzte sich Tot, dann zog der Jäger im den Pelz über die Ohren, und wir tranken mit der Großmutter den Wein.“
So erzählte Rotkäppchen es mir damals. Heute glaube ich, dass sie alles getan hatte, was der Jäger wollte, nur um diesem Kerl zu gefallen. Wenig später wurde sie schwanger, heiratete (schnell genug. damit es niemand merkte) den Jäger und führte seitdem eine mehr schlecht als rechte Ehe.

All das fand ich schwierig. Denn ich verstand damals weder, warum man schwanger wurde, noch wie man sich an einen Kerl hängen konnte, der derart ekelhaft war. Ich verstand nur, dass Rotkäppchen völlig anders und sehr komisch wurde, nachdem sie das Abenteuer im Wald überstanden hatte.

Nun lief ich selbst durch den Wald und meinte schon bald bei unserer Großmutter ankommen zu müssen. Ich ging schon lange des Weges und es wurde zunehmend dunkler. Der Wind hob an und blies stärker, außerdem hatte es angefangen zu schneien. Da der Weg ein sehr breiter Waldweg und dadurch, trotz der Schneewehen, leicht zu erkennen war, machte ich mir keine Sorgen und ging weiter.

Egal wie schaurig die Geschichte mit dem Wolf war, irgendwie tat mir das arme Tier leid – aber dass erzählte ich damals niemandem. Er war tot und das war das Wichtigste, denn ein toter Wolf fraß keine Mädchen, auch wenn er zuvor gequält worden war. So ließ ich mein Gedanken schweifen.

Dann hörte ich den Schrei. Kurz. Laut. Markerschütternd.
Eine Schneeböe drückte sich mir in den Rücken und ich erschauderte. Ich stolperte, von der plötzlichen Wucht des Windes überrascht, vorwärts und wäre beinahe gefallen, strauchelte jedoch nur und konnte meines Weges weitergehen. Ich zog meinen Umhang fester um mich. Schritt um Schritt setzte ich voreinander und versuchte keine Gedanken an den Schrei zu verschwenden. Eine andere Wahl hatte ich nicht, denn mein Zuhause war weit und das Haus der Großmutter musste ich bald erreicht haben. Also ging ich vorwärts.

Wieder ein Schrei. Dieses mal wie ein Heulen. Es war näher gekommen. Dann wieder ein Schrei, ein Ächzen. Ich hörte Füße, Füße die schnell und hart auf den Boden stießen, um mich waldwärts zu überholen. Und Atemstöße, die klangen, als sei ihr Besitzer schwer verletzt. Wie ein angeschossener Wolf, dachte ich. Und ich begann schneller zu gehen. Es schleppte sich offensichtlich in meine Richtung.

Dann sah ich den Mann nahe vor mir auf dem Wege stehen. Er erhob sich, als sei er eben noch auf allen Vieren gelaufen. Nun regte er sich kaum noch. Er stand einfach da. Offensichtlich darauf wartend, dass ich näher kommen würde. Er war es, der eben schrie. Er war es auch, der rannte, und er wartete nun auf mich.

Obwohl der Mann sich kaum auf den Beinen halten konnte, – das sah ich nun, denn er stand wankend da und sah mich aus gelben, fast leuchtenden Augen an – war er doch gleichzeitig geballtes Leben. Ich wusste, wenn ich zu fliehen versuchte, wäre es für ihn nur ein kleiner Sprung, ein Biss und ich wäre tot.

Also trat ich näher.

Als ich seine Gestalt aus der Nähe betrachten konnte, sah ich, dass er über und über mit Fellen eingehüllt war. Felle, die grob zusammengenäht waren und diesen Mann mehr schlecht als recht vor dem Wind und dem Wetter schützen konnten.

Er starrte mich an.

„… Du… bist ihre Schwester…“ sagte der Mann mit einer Stimme, die weniger laut war als direkt in meinem Kopf zu entstehen schien. Es war, als würde man sich an sie erinnern statt hören.

Ich weiß nicht warum, aber ich ging auf den Mann zu und sagte: „Ja, das bin ich. Warum willst du das wissen?“
„Weil ich dein Leben will“, raunte mir zu. „Weil deine Familie mir meine Haut genommen hat, will ich die deine.“

Eigentlich hätten mich diese Worte verstören müssen, aber das genaue Gegenteil trat ein. Es war, als wollten sich in diesem Augenblick die Vergangenheit und die Gegenwart gerade rücken. Eine Art von Ruhe umgab mich.
Hatte Rotkäppchen sich, im Angesicht des Todes, damals auch so gefühlt? „Nein“ sagte der Mann. „Nein, deine Schwester ging quiekend und kreischend auf mich los, und wollte meine Haut. Sie hätte keine Todesangst vor mir haben müssen, aber sie war nicht gut im Zuhören!“ das letzte Wort bellte er geradezu in den Wind.

„Dafür redet sie sehr viel“ rutschte es mir heraus, noch bevor ich mich dagegen wehren konnte. Mein Gegenüber quittierte diesen Satz mit einem rasselnden Geräusch. Dieses Mal kam es direkt aus seiner Kehle. Es sollte wohl ein Lachen sein – das machte das Geräusch nicht minder unangenehm und die Situation nicht weniger grausam.

„Komm“, sprach der Mann, „begleite mich ein wenig.“
Mir bleibt wohl auch nichts anderes übrig, dachte ich bei mir, und wie von einem Echo hallte es im meinem Kopf wieder: „Da hast Du vollkommen recht“

Nach einer Weile des Gehens, er führte mich geradewegs in den Wald hinein, begann er unvermittelt zu sprechen: „Hast du dich den nicht gewundert, warum die drei, den Wolf erst aufschlitzten, dann mit Steinen im Bauch töteten und ihm obendrein noch das Fell über die Ohren zogen. Eigentlich hätte eins doch reichen sollen.“

„Nun, “ meinte ich etwas unbeholfen, „…es erschien mir immer sehr grausam und ich fand, es wäre brutal, aber ich dachte mir, dass ein starker Wolf so eine aufgeschnittenen Bauch…“

Da wandte sich mein Begleiter so abrupt um, dass er strauchelte und beinahe fiel und schrie: „KANN ER NICHT! ER KANN WEDER DAS EINE, NOCH DAS ANDERE ÜBERLEBEN!“
Wie Kirchenglocken dröhnten seine Worte in meinem Schädel. Er fügte, fast traurig, hinzu: „Ein Wolf ist tot, wenn man ihm dem Bauch aufschlitzt, weißt du das denn nicht? Ein Wolf stirbt aber was wenn man kein Wolf ist…“ Seine Stimme wurde nun mit jedem Wort leiser, das letzte war kaum mehr zu verstehen.

Schweigend gingen wir eine Weile nebeneinander des Weges.

„Du bist also kein Wolf?“ fragte ich irgendwann, als ich die Stille nicht länger ertragen konnte „…und der Jäger und das Rotkäppchen wussten dass?“

„Natürlich bin ich kein Wolf und natürlich wussten sie das. Ich bin zumindest kein normaler Wolf. Lykaon ist mein Name und er, der mich erschaffen hat, war nicht so grausam wie deine Schwester und ihr Mann. Er tötet zwar alle meine Söhne, aber sie hatten es verdient und er verwandelte mich in diesen Wolf – aber Sie zogen mir, nachdem sie meine Bauch geschlitzt und ihn mit Steinen gefüttert hatten und nicht wussten, wie mich töten, die Haut bei lebendigem Leib ab und liefen davon.
Ich kann aber ohne Haut weder leben noch sterben, also werde ich die deine nehmen, um leben zu können“

Gemeinsam gingen wir in den dunklen Wald hinein.

Was wird nun geschehen?

Wird der Wolf sie töten, ihr Fleisch essen und sich in ihre Haut hüllen, als transsexueller Lykanthrop.

Bringt es der Wolf nicht übers Herz, dieses nette Mädchen zu töten und kleidet sich weiterhin mit den Häuten totgefahrener Katzen und Hunde?

Werden der Wolf und Rotkäppchens Schwester eine Allianz bilden, gegen den bösen Jäger und dessen Frau?

Wird diese Geschichte jemals ein Ende finden?

Vielleicht werden wir es niemals erfahren, vielleicht im nächsten Blog…

Rotkäppchens Schwester II – Wer sich mit dem Wolf einlässt…

 

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1. Dezember 2006 - 21:11

Kreuzchenparade oder was übrig bleibt

All überall sieht man sie an den Straßenrändern stehen, unter Bäumen leuchten sie dem Verkehrsteilnehmer entgegen: Hübsch, mit kleinen Blumensträußchen versehene, kleine, wohl gepflegte Kreuzchen, mit oder ohne Kerzen. Sie flüstern dem umsichtigen Autofahrer zu: „Komm, komm zu mir, hier an diesem Baum hat schon ein anderer seinen Körper dem Auto und der Dummheit geopfert…sei Du der nächste …“
Sie sind kleine Altäre der Autosucht, Orte der nicht gefahrenen Kilometer, Anzeigen der entleibten jugendlichen Unvernunft.

Das statistische Bundesamt wiederum sagt dazu nichts. Es sagt – natürlich – nichts über die Anzahl der Kreuzchen an unseren Straßen. Was es sagt, ist, dass der Peak – von sich mit dem Auto entleibenden Menschen – im Alter zwischen 18 und 25 Jahren liegt (wer hätte das erwartet…).1
Wie so vieles, kann man auch die Anzahl der Kreuzchen hochrechnen oder zumindest eine Vorstellung von der Menge bekommen:
Wenn man die Toten bis ins Alter von 18 bis 25 Jahren nimmt und davon nur die für die Unfälle verantwortlichen Jugendlichen nimmt, so kommt man auf, sage und schreibe, 1100 Kreuzchen pro Jahr!1

Ganz so schlimm und ganz so viele Kreuze werden es dann doch nicht sein, denn bekanntlich passen mehr als eine Person in ein Auto und Jugendliche neigen dazu, wenigstens zu zweit, in alten lediglich neu lackierten und übermotorisierten Autos, umherzufahren und wer stellt schon zwei Kreuze an einem Baum auf. Rechnet man also nur die Verursacher und nicht die Getöteten, so kommt man auf „nur“ noch 970 Kreuzchen…1

Man sollte dazu die Unfälle auf deutschen Straßen betrachten und davon ausgehen, dass nur von bestimmten Personen, mit einer bestimmten Intention, ein Kreuzchen gestiftet wird: Leute mit der Intention, dass solch ein Kreuz nicht nur ein Zeichen der Trauer und des Gedenkens sein soll, sondern auch eine gewisse Aufmerksamkeit erheischen will.
Es geht um Kreuzchen, die Eltern stifteten. Eltern, die nicht nur um den eigenen Sohn oder um die eigene Tochter trauern, sondern die Fremden sagen wollen: „Hier hat ein übermütiger junger Mann/Frau das Leben ausgehaucht – wenn du genauso übermütig sein willst, tu Dir keinen Zwang an, aber sag hinterher nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.“ (Natürlich stellen nicht nur Eltern solche Kreuze auf, sondern auch Freunde oder andere Menschen mit einer ähnlichen Intention.)

Es scheinen nicht alle Eltern den Straßenkreuzchenkult mit zu tragen. Diese Größe ist leider nicht zu evaluieren, deshalb gehe ich von ungefähr halb so vielen Kreuzen (also 485) aus wie es eigentlich sein müssten.
Ich nehme weiter an, dass erst seit ca. 20 Jahren Kreuze gesetzt werden, denn ich weiß, dass der Kreuzchenkult nicht allzu alt ist und 20 ist eine schöne Zahl. Es ergeben sich also ca. 9700 Kreuze seit dem Jahr 1986. Ich möcht noch anmerken, dass die Unfälle mit Todesfolge in den letzten Jahren erheblich gesunken sind und ich diesen Umstand in meiner, sowieso recht ungenauen, Berechnung nicht berücksichtige, da es mir nur um einen Eindruck und nicht um reale Zahlen geht.

Aber zurück.
Es wird bunt und blumig in unseren Straßengräben und ein Ende der Toten ist nicht abzusehen. Junge Menschen versenken sich weiterhin in Gräben und biegen Autos um Bäume und schaffen damit die Gründe zur Fortsetzung der Beblumung unserer Umwelt. Blumen an den Straßen finde ich schön. Weniger schön ist natürlich die Umweltbelastung, die diese Menschen, zusätzlich zu ihrem Tod (der Mensch ist ein ziemlich giftiges Objekt), auslösen. Ich denke an ausgelaufenes Öl, verbrannte Autos, verletzte Bäume und so weiter. Ein/e fachgerecht entsorgte/s Auto oder Person, nach Jahren fröhlicher Tätigkeit, wäre sicher weniger belastend.

Also, 485 potentielle Kreuzchen pro Jahr, an deutschen Landstraßen. 485 kleine Holzkreuzchen und brennende Totenkerzchen.

Welche Schlüsse will der Autor ziehen?

Zunächst: Der Mensch ist doof.

Dann: Je jünger desto doofer ist der Mensch.

Ich meine natürlich nicht die Intelligenz des Menschen, sondern die, jedem Menschen innewohnenden, Allmachtsfantasien und Untötbarkeitsvorstellungen – die sich schnell in tödliche Dämlichkeit wandeln können.2

Es ist anscheinend so, dass der Wunsch, sich darzustellen, sich mittels dieser Fahrzeuge zu profilieren, Triebfeder dieser Tragödie ist. Jugendliche Menschen scheinen von Ihrer Innensicht kaum mehr einen Blick außerhalb werfen zu können und den Blick fürs Reale dadurch zu verlieren.2

Übrigens steht eine Evaluation vom Verhältnis: „Intelligenz“ – „Dummheit“ zu „Leben“ – „sich am Straßenrand entleiben“, noch aus und es wird sie wohl auch nie geben.
Oder doch?

„Verkehrsunfälle im Jugendalter – und besonders nächtliche Disco-Unfälle – gehen mit einer niedrigen schulischen Qualifikation einher: Circa 65% der Verursacher von Disco-Unfällen sind Hauptschüler, obwohl ihr Anteil in der Altersgruppe nur 37% beträgt. Sie sind demnach unter den Verursachern nächtlicher Freizeitunfälle deutlich überrepräsentiert. In den Berufsschulen sind Lehrlinge aus den Berufen Metall und Bau stärker unfallgefährdet als andere Berufsgruppen. Fast jeder zweite nächtliche Freizeitunfall (48%) wird von Angehörigen dieser beiden Berufsgruppen verursacht [...]“3

Man könnte mutmaßen, dass diese Art von freiwilliger Entleibung, eine natürliche Auslese sein könnte: „Bist du nicht in der Lage zu verstehen, was du tust, und deine Allmachtsfantasien zu zügeln, wirst du dran sterben…“
Um meine Frage, von etwas weiter oben, zu beantworten: Nein das beweist nichts, denn man kann Schulbildung nicht mir Klugheit gleichsetzen. Dennoch hat jede Bildungsschicht ihren eigenen, speziellen, Umgang mit Person und Persönlichkeit, mit Realitätswahrnehmung und Verdrängung; er ist unabhängig von der Intelligenz oder Klugheit und abhängig von klassischen Konditionierungen. Es ist schwer, in diesem Alter, über den Tellerrand der eigene Peergroup hinauszusehen und sich anders als dort vorgegeben zu verhalten.

Was will der Autor damit sagen…:

Hängt die Kreuze höher!
Stellt mehr Kreuze auf!
Verbrennt mehr und größere Kerzen!
Es sollte der letzte motorisierte Idiot bemerkten, dass Bäume nicht aus Gummi bestehen und Schädel zwar hohl sein können, aber nicht desto trotz lebensnotwendig sind.

Und:
Ich glaube, ich sollte einen Kerzen- und Kreuzchengroßhandel aufmachen.

Links, die mir im Laufe der Erstellung dieses Artikels unter den Mauszeiger gekommen sind (ob sie gut oder schlecht sind soll der einzelne selbst entscheiden):

http://www.strassenkreuz.com

http://www.strassenkreuze.de
http://www.kath.de/akademie/lwh/archiv/kreuze/soerri.htm
http://www.students.uni-mainz.de/meyec012/porta/hausarb/…

______________
1 Statistisches Bundesamt: Fachserie 8 Reihe, Verkehr Verkehrsunfälle 2005; Statistisches Bundesamt; Wiesbaden 2006; korrigierte Fassung vom 31.10.2006; online zu beziehen, beim Statistischen Bundesamt, unter:
https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html…; Seite: 133

2 Prof. Dr. Maria Limbourg: Unfallprävention im Jugendalter, Vorlesungsskript 2003; online zu beziehen:
http://www.uni-essen.de/traffic_education/alt/texte.ml/pdf/… (am 1.12.2006 13.00); Seite: 6–7

3 Maria Limbourg, Jürgen Raithel, Karl Reiter: Jugendliche im Straßenverkehr; In: Raithel, J. (Hg): Risikoverhalten im Jugendalter; Leske und Budrich; Opladen, 2000; online zu beziehen:
http://www.uni-essen.de/traffic_education/alt/texte.ml/risiko-jugend.html (am 1.12.2006 13.00) Seitenangabe nicht möglich

 

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Abgelegt unter: Erzählerische Freiheiten, Sichtweisen, alle Beiträge
Autor: Dirk Mochalski
 
 

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