Rotkäppchens Schwester IV – was nun?
Irgendwie hatte sich mein Leben in den letzten Tagen auf eine sehr unkontrollierte Art und Weise entwickelt.
Lykaon hatte das Kind aus lauter Herzensgüte – und/oder Dummheit – mitgebracht. Es lag nun auf dem Küchentisch, gerade zwischen einer leeren Hühnersuppendose und dem Schrotgewehr, nach dem es gerade grabschte und sich offensichtlich köstlich amüsierte. Das Kind gluckste, brabbelte und sabberte vor sich hin. Es wäre ein Freude gewesen, wenn es bei Mama und Papa glucksen, brabbeln und sabbern würde – und diese nicht irgendwo tot herumliegen und einigen Kriminalbeamten zu denken geben würden. Es fühlte sich offensichtlich wohl, obwohl es von niemand beachtet wurde, obwohl ich versuchte ES zu ignorieren und IHN böse anzustarren. All das interessierte das Kind – sie hieß übrigens Mary – nicht.
Mir war, mal wieder, schlecht. Wie sollte ich aus dieser Lage je wieder herauskommen? Was sollte ich mit Mary anstellen? Und wieso konnte dieser blöde Wolfsmensch nicht einfach „PLOP“ machen und verschwinden und mit ihm diese Hütte, der Wald, die Whiskyflaschen und Hühnersuppendosen. Glaubte er tatsächlich, dass er, wenn er das Kind behalten würde, ein besseres Leben hätte. Abwechslung – Ablenkung – Freude am Leben? – Für wie lange?
„Für wie lange?“ fragte ich Ihn, noch bevor ich mir klar war, was ich da sagte. „Ich meine, du ziehst dieses Kind auf, es wird erwachsen, danach hat es wahrscheinlich enorme psychische Störungen, wird älter und stirbt… – und dann? Willst du dir dann das nächste Kind holen? Oder gleich ein Kinderheim aufmachen?“
Er sprang auf und stand nun drohend und knurrend vor mir. Ich schluckte, ließ mich aber nicht beirren. Was wollte er mir schon antun? Mich fressen? Wohl kaum!
Also sprach ich weiter:
„Ich meine, was willst du wirklich? Was ist dein wahrer Wunsch? Ich meine, willst du wirklich Kinder großziehen? Das wäre doch auch nur eine Episode, ein kleiner Abschnitt in deinem schier endlosen Reigen von Lebensjahren. Das kann doch nicht dein Wunsch sein, oder? Du versuchst Immer weiter und weiter dir Spannung und Glück zu ergattern,…nur um dann festzustellen, dass auch der nächste Wunsch keine Freude bringt…“ Jetzt kam ich so langsam in Fahrt.
Doch da stiegen ihm Tränen in die Augen, er gab ein leises Winseln von sich, schluckte und setzte sich.
Na toll! Wieder aller Wind aus den Segeln. Wie soll man einem weinenden Wolf die Leviten lesen?
Er hob schluchzend seinen Kopf und sagte:
„Ich will das, was jeder will, ich will nur das was jedermanns Recht ist: Ich will sterben. Jeder der Götter hat sich über kurz oder lang auf die eine oder andere Art aus dem Leben verabschiedet… …weil sie es satt hatten und weil sie es konnten. Nur ich nicht, nur mir hat man das Recht genommen zu sterben.“
„Alle Götter?“ fragte ich erstaunt.
„Naja, bis auf einen“ gestand er „aber ob der noch zählt, weiß ich nicht. Lange macht der es auch nicht mehr…“
„Und du kannst nicht sterben?“
„Nein.“
„Weil du kein Gott bist?“
“Wenn du so willst. Mir würde auch das Leben eines Käfers genügen, um zu sterben“
„Aber, wenn Götter sterben können, wo kommen sie dann her?“
Er sah mich verständnislos an.
„Ich meine, wenn sie sterben, dann müssen sie doch entstanden sein, oder? Ok, sie haben sich damals vermehrt wie wir, wenn stimmt was ich gelesen habe. Aber wie sind sie entstanden? Doch nicht so wie wir, oder? Die hatten doch keine Evolution? Wenn sie nicht aus dem Viechzeug entstanden sind, ich meine, aus Amöben, Fischen, Echsen, Säugetieren und so weiter, wo komme sie dann her? Wie sind sie entstanden? Wenn es sie so offensichtlich gibt.“
Er sah mich an, als sei ich bekloppt. Als habe er es mit einer Frage zu tun, die nur ein Kleinkind stellen konnte und die aus dem Munde einer erwachsenen Frau klang, als frage sie nach ihrem Schnuller. Dann grinste er, als habe er verstanden und murmelte:
„Na ja, es gibt da einen, der behauptet er hätte die Menschen geschaffen, und alles drum herum auch…“ Ich sah ihn zweifelnd an. „Ok, das war seine erste Lüge. Götter entstehen durch Glauben. Wenn es jemanden gibt, der an sie glaubt und sie anbetet, dann werden sie zum Gott. Es ist zwar ein bisschen komisch, aber nicht die Götter waren zuerst da, sondern die Gebete und der Glaube an sie und wenn es jemanden gab, ich meine einen Menschen oder so, an den geglaubt wurde, dann wurde er zum Gott. Es steht sogar in eurer Bibel.“
Ja, er hatte Recht. Dort stand es. Ich erinnerte mich:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ (Johannes 1 Vers 1)
„Naaa dann,“ sagte ich gedehnt „…dann, musst du ein Gott werden, das ist klar.“
Und wieder dieser Gesichtsausdruck. Als habe er es mit eine Minderbemittelten zu tun. Er gab sich wirklich alle Mühe mir auf die Nerven zu gehen.
„Man kann nicht einfach GOTT werden!“ lachte er höhnisch. „Es muss geglaubt und verehrt und gebetet werden…“
„Aha!“ Rief ich, sprang auf und fuchtelte ihm oberlehrerhaft mit meinen ausgestreckten Fingen vor der Nase herum. „Du schließt also nicht aus, dass du einer werden könntest?“ Seine Augen verfolgten meinen wedelnden Finger.
„Na ja,“ meinte er, noch immer gingen seine Augen hin und her „formal wäre das schön möglich.“ Lykaon stand auf, goss sie etwas von seinem schier unendlichen Whiskyvorrat in eins der schmutzigen Gläser und nahm einen tiefen Schluck „Nur werde ich wohl kaum jemanden dazu bringen, mich für verehrungs- und anbetungswürdig zu halten. Die sperren mich ein, die ziehen mir meine Haut ab, aber anbeten werden die mich wohl kaum…“
„Oh,“ sagte ich, „wenn es nur darum geht, da hätte ich wohl eine Idee…“
–
Nun will Lykaon er also Gott werden,
Wird das gelingen?
Wird man seinen Glauben nun nicht mehr nur an eine Zukunft, sondern auch an einen
Wolf verschwenden können?
Wird Rotkäppchens Schwester eine Hohepriesterin?
Und wenn ja, wird es wilde Riten, Tänze um Lagerfeuer und Menschenopfer geben?
All das in wenigen Wochen oder morgen in diesem Blog